
In einer Standardformation wurden wir dazu genötigt, miteinander zu tanzen. Aus diesem unglücklichen Aufeinandertreffen und späterem gelegentlichem Aufeinandertreten entwickelte sich eine Zwangstanzpartnerschaft, die im Einzeltanzen allerdings erstaunliche Innovationen hervorrief. Gleich beim zweiten Turnier wurden wir Dinslakener Stadtmeister, was in etwa dem Titel des Entenhausener Waldmeisters gleichzusetzen ist.
Unseren zügigen Aufstieg in die B-Klasse konnten selbst diverse unerlaubte Showeinlagen wie Holgers todesmutiger Sturz in die Röcke meines Kleides oder das Wegfegen der Turnierleitungsunterlagen durch ebendieses sowie sich öffnende Frackkrägen und verloren gegangene Damenschuhe nicht verhindern. Auch Holgers fortwährende Versuche, andere Paare durch gezieltes Ausdrehen meiner Person zu bombardieren, schlugen fehl.
Schon in der C-Klasse erfanden wir den hawaiianischen Tango, der sich in der Tänzerwelt aber nicht so recht durchsetzen wollte. Bis zur Entwicklung des "Knödels" im Slowfoxtrott dauerte es dann noch bis zur A-Klasse, dafür wurde er von unserer Trainerin schnell erkannt – und noch schneller von ihr wieder verworfen.
Zu Beginn der A-Klasse schienen unsere Bemühungen, schlechtes Tanzen zu zeigen, endlich von Erfolg gekrönt, nur im Ansatz aufgelockert durch gelegentliche Zwischenrunden-Ausrutscher. Motiviert durch endlose letzte Plätze beschlossen wir eines Tages, endgültig nicht mehr über Technik oder ähnlich unwichtige Kleinigkeiten nachzudenken, was die Wertungsrichter umgehend mit erhöhten Punktzahlen und Platzierungen bestraften.
Der Super-GAU eines jeden Tänzers erfolgte dann eines schönen Pfingstwochenendes unvermeidbar in Norderstedt: Aufstieg in die S-Klasse, was nicht etwa die Abkürzung für „Super“-Klasse, sondern für „Sonder“-Klasse ist, woraus man in etwa auf die manchmal etwas sonderbaren Gegebenheiten in dieser Tanzklasse schließen kann.
Unser Training ist geprägt von regelwidrigem Miteinanderreden und lautem Gelächter, was bei den mittrainierenden Paaren, die sich durch lautes Streiten und gegenseitigem Schuld-in-die-Schuhe-schieben streng an die Regeln halten, häufig zu Irritationen und Desorientierung auf der Fläche führt.